Zu guter LetztVom Hausarzt-Dasein in einem unterfinanzierten System

Vor drei Jahren hat sich Dr. Soheyla Reichenberger als Allgemeinärztin in Schottland niedergelassen – und wurde davon überrascht, wie anders der Arbeitsalltag im National Health Service (NHS) ist. Ein Einblick in die Höhen und Tiefen.

Meine Idee vom Leben und Arbeiten in Schottland gründete sich vor allem auf guten Urlaubserfahrungen auf der Insel und schlechten Arbeitsbedingungen als Ärztin in Deutschland. Dazu der generelle Trend, sich im Ausland eine neue Existenz aufzubauen: Glaubt man den erfolgreichen TV-Sendern, verspricht das Abenteuer, neue Erfahrungen, Freunde und ein spannendes neues Leben. Und sind nicht viele meiner Kollegen bereits in den 90ern zum Arbeiten nach Großbritannien geflogen, weil die Arbeitsbedingungen dort so viel besser sind?

Dass es nicht ganz so einfach ist, wurde mir spätestens mit der Registrierung beim britischen General Medical Council (GMC) klar. Zwar wird die deutsche Ausbildung als Allgemeinärztin prinzipiell anerkannt, aber die Flut von Zeugnissen und Bestätigungen, die man vorlegen muss, ist eine andere Sache. Vom finanziellen Aufwand mal ganz zu schweigen, da alle Dokumente beglaubigt und übersetzt werden müssen. Die letzte Hürde ist das persönliche Vorstellungsgespräch in London, dann hat man zumindest die offizielle Arbeitserlaubnis.

Da im United Kingdom (UK) ein genauso eklatanter Ärztemangel wie in Deutschland herrscht, hatte ich mir das Finden einer Anstellung als General Practicioner (GP) – also dem angelsächsischen Äquivalent des Hausarztes – leicht vorgestellt. Was sich als Irrtum herausstellte. Der Grund für die Absagen war durchgehend der Gleiche: mangelnde Erfahrung als Ärztin in UK. Was ich damals nicht verstand, Medizin ist schließlich Medizin – oder? Ein klassischer Fall von Irrtum.

"Wundermittel" Paracetamol?

Die Unterschiede fangen schon bei der Praxis-EDV an. Es gibt nur zwei Programme, doch beide sind kompliziert und weit davon entfernt, selbsterklärend zu sein. Da gibt es zum Beispiel "repeat prescriptions". Dies sind Medikamente, die der Patient dauerhaft einnimmt. Sie werden von den Ärzten im Computer angelegt und bei Bedarf von der Rezeption ausgedruckt. Alle Akutmedikamente haben eine eigene Kategorie und müssen von den Ärzten ausgestellt werden, was einen erheblichen Zeitaufwand darstellt. Noch komplizierter sind Überweisungen zum Facharzt, denn es muss für jeden Patienten ein ausführlicher Brief mit Anamnese, Symptomen und genauem Überweisungsgrund geschrieben werden. Dazu gibt es "Überweisungs-Leitlinien", die festlegen, zu welchem Facharzt der Patient geschickt werden darf.

Ein weiterer großer Unterschied besteht bezüglich der vorhandenen Medikamente. Man muss sich als deutscher Arzt erst mal daran gewöhnen, dass Paracetamol für alles, aber auch wirklich alles eingesetzt wird. Leichte Schmerzen, schwere Schmerzen, Fieber, Unwohlsein, Schwindel… Wenn Paracetamol nicht ausreicht, wird Codein als Schmerzmittel dazu gegeben. Novalgin ist nicht zugelassen und ebenso wenig erhältlich wie beispielsweise Valoron N. Wer keine nicht-steroidalen Antiphlogistika verträgt, der greift zu Codein oder Tramadol – was mich bei kolikartigen Schmerzen wie einer Nierenkolik jedes Mal die Augen rollen lässt. Die Liste der nicht erhältlichen Präparate ist lang und ich vermisse schmerzlich so simple Produkte wie Bepanthen-Augensalbe. Eine einfache Konjunktivitis wird da oft zum Behandlungsproblem, weil nur Chloramphenicol-Augentropfen zur Verfügung stehen.

Alte Praxen, neue Methoden

Doch Unterschiede werden auch bei äußerlichen Faktoren deutlich. So sind viele der NHS-Praxen schlicht in die Jahre gekommen. Unsere alte Wartezimmerbank hat bessere Tage gesehen und die Stühle im Behandlungszimmer sind teilweise zerschlissen. Mein Computer steht auf einem alten Holzschreibtisch, ergänzt wird das Ensemble von einem Küchenschrank mit Medikamenten, einer alten Untersuchungsliege und einem kleinen Metallbeistelltisch mit Instrumenten. Da werden Erinnerungen an den Hausarzt meiner Großmutter wach. Der war allerdings in weiß gekleidet, was wir hier nicht dürfen: "Götter in Weiß" sollen vermieden werden.

Eine weitere Herausforderung ist das Zeitmanagement. Man hat pro Patient genau zehn Minuten Zeit, am Vor- und Nachmittag werden jeweils 14 Patienten pro Arzt durchgeschleust – was Anamnese, Untersuchung, Verordnung und Computerdokumentation einschließt. Ein Husarenritt. Dazu kommen jeweils drei Telefontermine – gerade zu Beginn eine echte Herausforderung für einen Non-native-Speaker. Einmal hatte ich etwa eine junge Dame am Hörer, die etwas gegen ihre "cold sores" benötigte. Doch was zum Teufel waren "cold sores"? "Cold" heißt kalt und "sore" schmerzhaft. Und jetzt? Während ich mich verzweifelt bemühte, mehr Informationen aus der Frau zu bekommen, tippte ich in Windeseile das Wort ins elektronische Wörterbuch: "Cold sores" sind Herpesbläschen!

Ein riesiges Problem in UK und besonders in Schottland ist die mangelnde Finanzierung des NHS, die sich ausschließlich aus Steuern ergibt. Die "national health insurance" liegt zwar bei 9 Prozent des Bruttoeinkommens, doch wird aus ihr weit mehr als nur der NHS finanziert. Der mangelnde finanzielle Support wird besonders in den Kliniken und bei den Fachärzten deutlich. Derzeit beträgt die Wartezeit für einen dringenden Termin beispielsweise beim Gastroenterologen vier Wochen, ein Routinetermin schlägt mit sechs bis neun Monaten Wartezeit zu Buche. Was für uns GPs bedeutet, dass wir die betroffenen Patienten solange irgendwie über Wasser halten müssen.

Patienten machen Probleme wett

Aber es ist nicht alles schlecht im britischen Gesundheitswesen. Von unschätzbarem Wert sind zum Beispiel die District Nurses, die sich auf Hausbesuchen um Wundversorgung oder Medikamentengabe kümmern. Auch die Hospizarbeit ist exzellent und weit verbreitet. Beindruckt hat mich von Anfang an das kollegiale Klima unter den Ärzten und Angestellten. Die Hierarchien sind flach bis nicht existent, eine Wohltat.

Und nicht zuletzt sind es die Patienten, die mich nun seit fast drei Jahren hier halten. Sie sind dankbar, unfassbar geduldig und akzeptieren bedingungslos die ärztliche Meinung. Da hört man dann schon mal zum Abschied "Thanks for seeing me, love!" Das macht vieles der Probleme wieder wett.

Eine Anekdote von meinen Hausbesuchen

Auf meiner Hausbesuchsliste – zwischen 12 und 14.30 Uhr werden regelhaft keine Termine vergeben, die Zeit ist für Hausbesuche und Bürokratie reserviert – findet sich ein Mann mit offener Wunde nach Sturz auf den Hinterkopf. Das Haus liegt in einem eher heruntergekommenen Teil Edinburghs und die eingeschlagene Haustür verheißt nichts Gutes. Die Frau, die mich an der Tür empfängt, verstehe ich aufgrund ihrer verwaschenen Sprache kaum. Ich folge ihr ins Wohnzimmer, wo sich drei Männer aufhalten. Einer liegt mit Kopf nach unten quer auf einem großen Sofa, der zweite sitzt stocksteif neben ihm und starrt ein Loch in die Wand. Beide sind nicht ansprechbar. Der dritte Mann ist mein Patient. Er ist sturzbesoffen und sagt nichts anderes als "I am so happy that you are here, darling" – "Ich bin so froh, dass Du hier bist, Schätzchen". Die Wunde ist nur oberflächlich und ich breche rasch zum nächsten Patienten auf.

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