MedizingeschichteMedizinhistorisches Schlaglicht: Diabetes

Vor 100 Jahren gelang zum ersten Mal die Isolierung von Insulin. Damit konnte Diabetikern das Leben gerettet werden. Obwohl die Zuckerkrankheit selbst seit Tausenden von Jahren bekannt ist, war Typ-1-Diabetes doch bis zum 20. Jahrhundert ein Todesurteil.

Charles Herbert Best (1899-1978), links im Bild, und Frederick Grant Banting (1891-1941) 1960 in jenem Labor, wo sie 1921 das Insulin isolierten.

1921, Toronto, Kanada. Frederick Grant Banting, ein 29-jähriger kanadischer Chirurg und Veteran des Ersten Weltkriegs, war entschlossen, einen Weg zu finden, um Diabetikern zu helfen. Inzwischen war bekannt, dass dem Insulin eine Schlüsselrolle bei der Krankheit zukam. Aber noch war es nicht gelungen, das Hormon aus dem Pankreas zu isolieren.

Bei Isolationsversuchen waren stets die Insulin-produzierenden Inselzellen zerstört worden. Banting hatte nun die Idee, den Eingang zur Bauchspeicheldrüse abzuschnüren, um die Inselzellen zu retten.

Bantings Ansatz überzeugte den Leiter des physiologischen Instituts in Toronto, den renommierten schottischen Physiologen John James Rickard Macleod (1876-1935). Er stellte Banting ein Labor zur Verfügung und gab ihm einen Assistenten, den acht Jahre jüngeren amerikanischen Arzt Charles H. Best.

Erste Erfolge beim Hund

Banting und Best machten sich in den Sommermonaten 1921 an die Arbeit. Schon Ende Juli kam der Erfolg: Die beiden jungen Forscher isolierten ihren ersten Pankreas-extrakt. Sie spritzen ihn einem pankreatektomierten Hund. Der Hund war schwer Diabetes-krank und dem Tode nahe. Nach der Spritze sank sein Blutzuckerspiegel schnell. Nach wenigen Stunden wedelte er mit dem Schwanz und bellte.

Die Forscher testeten das Insulin dann in Eigenversuchen. Doch sie stellten fest, dass das vorhandene Fremdeiweiß giftig war. Institutsleiter Macleod holte daraufhin den kanadischen Biochemiker James Bertram Collip (1892-1965) ins Team. Der verfeinerte nicht nur die Extraktionsmethode, sondern hatte auch die Idee, Pankreata von Kälberfeten zu verwenden statt die von erwachsenen Hunden wie bisher. Denn Feten produzieren noch keine Verdauungsenzyme.

Schließlich war die Forschergruppe soweit: Ende Januar 1922 wurde Insulin zum ersten Mal erfolgreich bei einem Menschen eingesetzt. Mit einer täglichen Spritze Insulin war der Diabetes unter Kontrolle. Eine echte Sensation, die schon ein Jahr später belohnt wurde: 1923 erhielten Banting und Macleod den Medizinnobelpreis. Die beiden waren enttäuscht, dass Bests und Collips Anteil an dem Erfolg nicht mitgewürdigt wurde. Deshalb teilten sie wenigstens das Preisgeld mit den Kollegen.

Von nun an konnte Diabetikern zum ersten Mal geholfen werden. Bis zum 20. Jahrhundert war Typ-1-Diabetes ein Todesurteil.

Die Zuckerkrankheit ist seit Jahrtausenden bekannt. Vor über 3.000 Jahren schrieben zum Beispiel indische Ärzte von einer Krankheit namens “Honigharn”. Sie hatten beobachtet, dass Fliegen und Ameisen durch den süßen Urin bestimmter Patienten angelockt wurden.

Um 250 bis 300 v. Chr. prägte der griechische Arzt Apollonius in Memphis in Ägypten den Begriff “Diabetes”, Durchfluss, da die Patienten einen starken Harndrang hatten. Das Beiwort “mellitus”, honigsüß, wurde dann hinzugefügt, da der Urin von Diabetikern auffallend süß war. Im ersten Jahrhunderts n.Chr. unterschied der griechische Arzt Aretaios von Kappadokien dann zwischen verschiedenen Varianten. Er vermutete, es handele sich um eine Krankheit des Magens und empfahl Milchkuren, Wein und Abführmittel. Außerdem riet er zu Rosenöl, Datteln, rohen Quitten und Haferschleim.

Ernährung ist entscheidend

Auch die indischen Ärzte um 500/600 n. Chr. unterschieden zwei Formen der Krankheit: Ihnen war aufgefallen, dass eine Variante vor allem bei wohlhabenden und gut genährten Menschen auftrat, die andere dagegen bei mageren Patienten und in diesen Fällen auch rasch zum Tode führte. Therapeutisch wurde die erste Patientengruppe auf Diät gesetzt, den Patienten der zweiten Gruppe wurde dagegen eine “Reismast” verordnet.

Dass Ernährung entscheidend war, war also von Anfang an bekannt. Auch an anderen Heilversuchen gab es keinen Mangel. Ein Heilmittel aus dem 17. Jahrhundert zum Beispiel enthielt “Gelatine von Vipernfleisch, zerstoßene rote Koralle, süße Mandeln und frische Blüten von Taubnesseln”.

Mit der richtigen Ernährung wurde bis in unsere Zeit experimentiert. Der amerikanische Arzt Frederick Madison Allen (1879-1964) setzte auf die Reduzierung von Kalorien: Diabetiker sollten nur 450 Kalorien am Tag zu sich nehmen. Das verlängerte zwar ihr Leben, schwächte sie aber sehr.

Der erste Diabetologe der USA, Elliott P. Joslin (1869-1962), glaubte, dass Diabetiker keine Kohlenhydrate vertrugen. Seine Diätempfehlung: Zwei Prozent Kohlenhydrate, 20 Prozent Eiweiß und 70 Prozent Fett. Das Gegenteil wurde in den 1970er Jahren empfohlen: nicht mehr als 30 Prozent der Kalorien im Form von Fett. Das führte dazu, dass die Patienten immer dicker wurden.

Trotz aller diätetischen und anderen Therapieversuchen blieb die Prognose der Typ-1-Diabetiker Jahrtausende lang schlecht, meist führte die Krankheit zum Tode. Die ersten echten Fortschritte kamen im 19. Jahrhundert. 1889 wurde entdeckt, dass die Krankheit mit dem Pankreas zusammenhängt: Hunde, denen die Bauchspeicheldrüse entfernt wurde, bekamen die typischen diabetischen Symptome.

Schon 1869 hatte der deutsche Pathologe Paul Langerhans (1847-1888) inselartige Zellhaufen im Pankreas entdeckt, die 1893 zu seinen Ehren “Langerhanssche Inseln” genannt wurden. Ihre Funktion blieb allerdings zunächst unklar. Erst 1902 fanden Wissenschaftler heraus, dass in diesen Inseln eine Substanz produziert wurde, deren Mangel zu Diabetes-Symptomen führte. Das Insulin war entdeckt.

Der nächste große Durchbruch war Banting und Bests sensationeller Erfolg. Von nun an konnte Millionen von Diabetikern das Leben gerettet werden und es ging rasant weiter. Schon 1923 begann das US-Unternehmen Eli Lilly and Company, Insulin zu produzieren und es unter dem Namen “Iletin” zu vermarkten.

1935 war klar, dass es wirklich zwei Typen von Diabetes gibt. 1953 kamen Urinteststreifen auf den Markt. Seit 1969 gibt es in den Notfallzentren von Krankenhäusern Messgeräte für Blutglukose. Insulinpumpen kamen 1976 auf. Und 1978 wurde zum ersten Mal synthetisches Insulin hergestellt.

Quellen u.a.: De Leiva, Alberto et al : “The discovery of insulin: Continued controversies after ninety years”. Endocrinología y Nutrición (English Edition). 2011.

Holler, Claus: “Geschichte der Ernährungstherapie des Diabetes mellitus”. Journal für Ernährungsmedizin (Ausgabe für Österreich). 2000.

Paul, Gill: “Die Geschichte der Medizin in 50 Objekten”. Haupt Verlag, Bern, 2016.

Das rekonstruierte Labor, in dem Best und Banting 1921 in Toronto arbeiteten.

Charles Herbert Best (1899-1978), links im Bild, und Frederick Grant Banting (1891-1941) 1960 in jenem Labor, wo sie 1921 das Insulin isolierten.

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