Medizinhistorische SchlaglichterGeburtshilfe

Anfang des 17. Jahrhunderts gab es eine Revolution in der Geburtshilfe: Die Geburtszange wurde erfunden. Die englische Erfinder-Familie Chamberlen hielt sie allerdings geheim. Niemand durfte die Zange sehen, den gebärenden Frauen wurden die Augen verbunden. 100 Jahre lang konnten die Chamberlens ihr Geheimnis wahren.

Anfang des 17. Jahrhunderts gab es eine Revolution in der Geburtshilfe: Die Geburtszange wurde erfunden. Die englische Erfinder-Familie Chamberlen hielt sie allerdings geheim. Niemand durfte die Zange sehen, den gebärenden Frauen wurden die Augen verbunden. 100 Jahre lang konnten die Chamberlens ihr Geheimnis wahren.
Hebamme durchtrennt die Nabelschnur bei einem Neugeborenen: Diese Lithographie stammt aus dem Buch von W. Beach „Improved System of Midwifery“, aus dem Jahr 1850© mauritius images / Science Source / NLM

Unter dem Dielenboden auf dem Speicher eines Hauses in Essex (etwa eine Stunde von London entfernt) wurde 1813 etwas gefunden, was ein Jahrhunderte altes Geheimnis lüften sollte: fünf Geburtszangen! Es waren die ersten Instrumente dieser Art. Die Zangen waren aus Metall und erstaunlich gut geformt. Die Blätter hatten eine Krümmung, ideal, um den Kopf des Neugeborenen zu fassen.

Diese Instrumente waren Anfang des 17. Jahrhunderts erfunden worden. Die Erfinderfamilie hütete das Geheimnis um die Geburtszange Jahrzehnte lang. Niemand hatte die Instrumente zu Gesicht bekommen. Deshalb wurden die Zangen von der Erfinderfamilie im Jahre 1683 schließlich

unter dem Dielenboden ihres Hauses versteckt, damit sie wirklich niemand finden sollte. Es ist eine merkwürdige Geschichte um die Familie Chamberlen und die Erfindung der Geburtszange.

Geburtshilfe war Frauensache

Jahrhunderte, wohl Jahrtausende lang war die Geburtshilfe eine reine Frauenangelegenheit. Hebammen oder Wehenmütter standen den Gebärenden zur Seite. Männer, auch Ärzte, waren von der Geburt ausgeschlossen.

Nur in wirklich schwierigen Fällen wurde schon mal ein Arzt gerufen. Meist ein Bader und Knochenbrecher. Diesem blieb oft nur noch, entweder das Kind im Mutterleib zu zerstückeln oder die tote Frau aufzuschneiden, um das Kind zu holen.

Allerdings kannten sich die Ärzte im Mittelalter und der frühen Neuzeit auch nicht mit der Geburtshilfe aus. Noch 1653 hieß es, die deutschen Frauen würden lieber sterben, als bei der Geburt die Hilfe von Männern anzunehmen. Im 16. Jahrhundert wurde in Hamburg-Altona ein gewisser Dr. Veit sogar öffentlich verbrannt. Er hatte als Frau verkleidet Frauen bei schwierigen Geburten geholfen.

Männer hatten kaum Gelegenheit, Geburten zu beobachten. Ärzte durften die Geschlechtsteile von Frauen nicht sehen, wenn sie sie untersuchten. Sie mussten unter den Rock fassen und konnten die Befunde nur ertasten. Noch um 1800 galt die praktische Geburtshilfe als unschicklich für Männer.

Dennoch begannen sich männliche Ärzte im 17. Jahrhundert mit dem Thema zu befassen. In mehreren Städten wurden Hebammenschulen sogar von Männern geleitet. In diese Zeit fällt auch die Geschichte der Geburtshelfer-Familie Chamberlen.

Im Jahr 1576 floh der Hugenotte William Chamberlen mit seinem Sohn Peter aus Frankreich nach England. Hier kam ein zweiter Sohn zur Welt – ebenfalls Peter genannt, was die Geschichte manchmal etwas unübersichtlich macht. Denn dieser zweite Sohn bekam dann selbst einen Sohn namens Peter.

Die Brüder Peter der Ältere und Peter der Jüngere waren wie ihr Vater zunächst Bader, später Ärzte. Beide waren bekannt als gute Geburtshelfer. Peter der Ältere stand sogar zwei englischen Königinnen bei.

Geburtshilfe war oft sehr schwierig. Im 17. Jahrhundert war Rachitis häufig, viele Frauen hatten deformierte Becken. In solchen Fällen half die Geburtszange, die vermutlichlich Peter der Ältere erfunden hat.

Die Chamberlens machten von Anfang an ein großes Geheimnis um ihre Erfindung. Niemand bekam die Zangen zu sehen. Wenn sie zu einer Gebärenden gerufen wurden, kamen sie stets zu zweit und trugen eine große, golden verzierte Holzkiste. Jeder glaubte deshalb, sie hätten eine große schwere, äußerst komplizierte Maschine dabei. Alle wurden aus dem Zimmer geschickt.

Der kreißenden Frau wurden die Augen verbunden. Die ängstliche Familie vor der Tür hörte nur Glöckchengeklingel und andere mysteriöse Geräusche. All das Brimborium hatte nur den Zweck, die Geburtszange geheim zu halten – wohl aus reiner Geldgier. Und das hat über 100 Jahre geklappt. Peter der Jüngere und sein Sohn Dr. Peter Chamberlen spielten mit.

Im Jahr 1670 versuchte Hugh Chamberlen, der älteste Sohn von Peter dem Jüngern und ebenfalls Geburtshelfer, das Geheimnis zu Geld zu machen. Er wollte es für 100.000 Kronen an den Leibarzt des französischen Königs, François Mauriceau, verkaufen. Er brüstete sich, er könne innerhalb von 15 Minuten ein Neugeborenes holen.

Der Franzose nahm die Wette an, führte ihn jedoch zu einer kleinwüchsigen Gebärenden mit stark verformtem Becken. Chamberlen versagte und fuhr mit der unverkauften Zange nach London zurück. Er nahm aber Mauriceaus Buch über Schwangerschaft und Geburt mit und übersetzte es ins Englische. Im Vorwort der Übersetzung erwähnte er sogar die Geburtszange.

1693 gelang es Hugh Chamberlen dann doch, das Geheimnis an einen niederländischen Chirurgen zu verkaufen. Und er schaffte es sogar, dass die niederländischen Behörden eine Lizenz zur Geburtshilfe nur Ärzten erteilten, die vorher eine Zange gekauft hatten. Erst 1732 wurde die erste Zeichnung der Chamberlen‘schen Geburtszange veröffentlicht. Dann kam sie auch allgemein in Gebrauch.

Literatur

  1. Dunn, Peter M: „The Chamberlen family (1560–1728) and obstetric forceps“. Arch Dis Child Fetal Neonatal Ed. 1999; 81 (BMJ Journals)
  2. Neubüser, Diethard: „Geburtshilfe gestern und heute.“ 1977
  3. Paul, Gill: „Die Geschichte der Medizin in 50 Objekten“. Haupt Verlag, Bern, 2016.
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