SeriePatientengerechte Altersmedizin

Die Initiative Patientengerechte Altersmedizin ist eine gemeinsame Initiative der Fachkonferenz Altersmedizin und Heel. In der interdisziplinären Konferenz arbeiten Fachärzte aus ganz Deutschland an dem Ziel, die medizinische Betreuung älterer Patienten zu optimieren. Dazu gehört auch ein differenzierter Umgang mit Polypharmazie.

 

 

Folge 1: Unterstützung im Umgang mit Polypharmazie

Viele ältere Menschen nehmen täglich fünf oder mehr Medikamente ein. Doch damit entsteht manchmal mehr Schaden als Nutzen. Die „Initiative Patientengerechte Altersmedizin“ will sich mit dem Pocket-Guide „Klug behandeln“ für eine adäquate Medikation älterer Patienten einsetzen. Darin finden Hausärzte einen Leitfaden und praxisnahe Tipps für den Umgang mit Polypharmazie bei Senioren. 

Polypharmazie ist gerade bei älteren Menschen ein Problem, denn sie erhalten häufig von mehreren Ärzten Medikamente verordnet. Hinzu kommen freiverkäufliche Arzneimittel, deren Einnahme sie den Ärzten oftmals verschweigen. Die Folgen der Multimedikation sind dramatisch: Bei Patienten über 70 Jahren steht etwa ein Viertel aller Klinikeinweisungen in Zusammenhang mit Arzneimitteln. 

Auf adäquate Medikation achten

„Es ist wichtig, dass alte und hochbetagte Menschen so lange wie möglich selbstständig bleiben und dass die Zeitspanne vor dem Tod, in der die Menschen schwerkrank und pflegebedürftig sind, auf ein Minimum reduziert wird. Dazu kann eine korrekte Medikation viel beitragen“, erklärte Dr. Brigitte Metz, Direktorin der Klinik für Geriatrie und des Geriatrischen Zentrums, ViDia Christliche Kliniken Karlsruhe.

Um herauszufinden, wie viele und welche Medikamente der Patient wirklich einnimmt, sollte der Hausarzt aktiv nachfragen, empfiehlt Metz. Jeder Hausarzt sollte seine Patienten dafür sensibilisieren, alles, was sie einnehmen, mit ihm zu besprechen. Mindestens einmal im Jahr sollte ein Medikamenten-Check erfolgen, um zu überprüfen, ob die Medika­tion des Patienten noch adäquat ist. Nimmt er Medikamente, die er längst nicht mehr braucht? Fehlt etwas? Passt die Dosis noch?

Auch eine Unterversorgung lässt sich damit aufdecken. So ist z. B. die Osteoporose in Deutschland immer noch ein Stiefkind. „Ich sehe viele Patienten, die mit dem dritten, vierten Knochenbruch kommen und bisher noch kein Präparat gegen Osteoporose erhalten haben“, berichtete Metz.

Medikamente auch mal absetzen

„Mit Deprescribing habe ich gute Erfahrungen gemacht“, so Metz. „Ich setze zum Beispiel häufig Diu­retika ab, die Patienten ohne schwerwiegende Grunderkrankung nur wegen Beinödemen verordnet wurden, weil sie in diesen Fällen den älteren Menschen mehr schaden als nutzen. Hier arbeite ich lieber mit Lymphdrainage und Kompressionstherapie. Durch die Einnahme von Diuretika sind einige Patienten sturzgefährdet, es wird ihnen schwindlig, sie fühlen sich nicht wohl, und sie sind kognitiv eingeschränkt. Nach dem Absetzen von Diuretika sieht man binnen weniger Tage, wie die Patienten munterer werden, sie blühen richtig auf“, so Metz.

Tipps für Hausärzte

Das bedarfs- und altersgerechte Anpassen der Medikation liegt in der Hand des Hausarztes, denn bei ihm laufen die Fäden zusammen. Doch was darf man absetzen, was braucht der Patient dagegen unbedingt? Hier müssen die physiologischen Besonderheiten älterer Menschen berücksichtigt und individuelle Lösungen gefunden werden. Unterstützung in dieser Hinsicht bietet der Pocket-Guide ­„Klug behandeln“ der „Initiative Patientengerechte Altersmedizin“. Er gibt einen Überblick, bei welchen Medikamenten das Risiko einer Über- oder Unterversorgung besteht, und er zeigt auf, wie sich die Hemmschwellen beim Absetzen von Medikamenten überwinden lassen.

Originalbeitrag erschienen in Der Hausarzt 08/2020 vom 05.05.20.

 

 

Folge 2: Wie lässt sich die Therapie bei Senioren optimieren?

Multimedikation ist ein Dauerthema bei der Behandlung älterer Patienten. Will man Neben- und Wechselwirkungen sowie Über- und Unterversorgung vermeiden, gilt es, die Medikation für jeden Patienten individuell anzupassen. Wie Sie das bei Ihren älteren Patienten schaffen, erklärt Dr. med. Marc Johnsen, Oberarzt am St. Marien-Hospital Köln, im Interview.

Wie kann der Hausarzt vorgehen, um inadäquate Medikation bei älteren Patienten zu verhindern?

Johnsen: Zuerst sollte sich der Hausarzt einen Überblick darüber verschaffen, welche Ärzte den Patienten behandeln, welche Diagnosen und Medikationen vorliegen und ob die Behandlungsindikationen noch bestehen. Anschließend müssen Entscheidungen getroffen werden. Das fällt nicht immer leicht. Bei der Suche nach Medikamenten, bei denen häufig eine Unter- oder Überversorgung vorliegt, helfen zwei übersichtliche Tabellen im Pocket-Guide „Klug behandeln“ der „Initiative Patientengerechte Altersmedizin“. Wenn man die beiden Tabellen auf dem Schreibtisch liegen hat, kann man schon einen großen Teil der Probleme aus der täglichen Praxis verhindern.

Was sind die größten Hemmschwellen beim Absetzen von Medikamenten?

Johnsen: Das ist zum einen die Angst, etwas falsch zu machen. Doch man muss sich die Ergebnisse von Studien vor Augen halten, in denen bei älteren Patienten alle Medikamente abgesetzt wurden, für die keine klare Indikation vorlag. Es gab nur zwei Medikamente, die hin und wieder erneut angesetzt werden mussten, nämlich Schmerzmedikamente und Diuretika. Alle anderen konnten ohne größere Probleme weggelassen werden [1, 2]. Weitere häufige Hemmschwellen sind Bedenken des Patienten und juristische Bedenken.

Wie kann man das Deprescribing gegenüber dem Patienten rechtfertigen?

Johnsen: Hilfreich ist, den Patienten zu fragen, ob er den Eindruck hat, dass er zu viele Medikamente einnimmt. Antwortet er hier mit „ja“, findet er es vermutlich gut, wenn die Anzahl der Medikamente reduziert wird. Ebenso wenn er bestimmte Beschwerden hat, die unerwünschte Wirkungen von Medikamenten sein könnten, zum Beispiel Übelkeit aufgrund bestimmter Schmerzmedikamente oder Schlafstörungen durch nächtlichen Harndrang, wenn das Diuretikum abends eingenommen wird.

Außerdem kann man argumentieren, dass der Hausarzt den besten Überblick über die Erkrankungen und Verordnungen des Patienten hat und so besser priorisieren kann, welche Medikamente für diesen Patienten sinnvoll oder eher ungünstig sind. Der Patient wird auch verstehen, dass eine große Zahl von Medikamenten ein großes Risiko für Neben- und Wechselwirkungen mit sich bringt. Wir empfehlen, nicht davon zu sprechen, dass man etwas wegnimmt, sondern dass man die Therapie verbessert oder optimiert.

Wie kann man sich vor juristischen Problemen schützen?

Johnsen: Leitlinien und Empfehlungen sind keine Behandlungsverpflichtung. Die Leitlinien beziehen sich meist auf einen monokausal erkrankten Patienten und treffen daher auf geriatrische, multimorbide Patienten oft nicht zu. Außerdem wurden zum Beispiel Patienten mit Nierenfunktionsstörungen und sehr alte Patienten aus vielen Studien ausgeschlossen. Damit ist die Evidenz und Datenlage für diese Patienten nicht immer gut. Letztendlich muss man bei jedem einzelnen Patienten prüfen, ob es Kontraindikationen oder andere Probleme gibt. Wichtig ist zu dokumentieren, warum man sich für oder gegen eine Therapie entschieden hat, und diese Entscheidung mit dem Patienten zu besprechen.

Literatur:

  1. Potter K et al. PLoS ONE. 2016;11:e0149984–21.
  2. Page AT et al. Br J Clin Pharmacol. 2016;82:583–623.

Originalbeitrag erschienen in Der Hausarzt 09/2020 vom 20.05.20.

 

 

Folge 3: Manche ältere Patienten sind unterversorgt

Vor allem bei älteren Menschen sollte die medikamentöse Therapie immer wieder kritisch hinterfragt werden: Einige Medikamente kann man eventuell absetzen, andere sind dagegen unbedingt erforderlich. Doch es gibt auch Medikamentengruppen, die bei älteren Menschen eher vergessen oder vernachlässigt werden. Welche das sind, berichtet Dr. med. Sebastian Baron aus Heidelberg.

„Wir haben viele ältere Patientinnen, die eine Osteoporose haben. Einige von ihnen hatten bereits mehrere Knochen- oder Wirbelkörperfrakturen“, berichtet Dr. med. Sebastian Baron, Agaplesion Bethanien Krankenhaus Heidelberg. Sie könnten von Vitamin-D-Präparaten und eventuell auch von Kalzium profitieren.

Vitamin-D-Mangel bei Senioren häufig

Der Geriater machte die Erfahrung, dass 80 bis 90 % der älteren Patienten einen Vitamin-­­D-Mangel haben. Das betrifft hauptsächlich die­jenigen, die nicht oft nach draußen gehen. „Vor allem in den Wintermonaten würde ich älteren Patienten mit Vitamin-D-Mangel eine Substitution empfehlen“, so Baron. Sie lohnt sich insbesondere bei Patienten, die noch fit sind.

Von einer Kalziumsubstitution profitieren Pa­tienten, die in Pflegeeinrichtungen ­leben, keine optimale Ernährung erhalten und zu wenig Milchprodukte zu sich nehmen, am meisten. ­Baron empfiehlt häufig Kalzium-Kautabletten, weil Brausetabletten die Magenschleimhaut angreifen können.

Darüber hinaus gehören Bisphosponate zu einer guten Osteoporosetherapie. Sie sind vor ­allem für fitte Patienten, die bereits Wirbelkörperfrakturen aufweisen, sinnvoll. „Aufpassen muss man aber bei Patienten mit Schluckstörungen, weil sie dadurch Ulzerationen in der Speiseröhre bekommen können. Ihnen muss man Bisphosphonate eventuell intravenös verabreichen“, mahnt Baron.

Schmerzen sind ein weiteres Problem, das bei älteren Menschen oft unbehandelt bleibt. Baron sieht in seiner Klinik viele Patienten mit massiven Schmerzen, denen bisher keine Schmerzmedikamente verordnet wurden, weil der Arzt der Ansicht ist, man müsse mit Schmerzmitteln vorsichtig sein. Doch mit einer adäquaten Schmerztherapie kann man viel für die Lebensqualität der Patienten tun. „Wichtig ist, diese Therapie nicht als Dauertherapie zu verordnen, sondern einmal wöchentlich zu hinterfragen und anzupassen“, erinnert Baron. Laut FORTA-Liste sind z. B. Paracetamol und Metamizol (FORTA A und B) besser geeignet als z. B. eine Dauertherapie mit NSAR (FORTA D).

In Zusammenhang mit der Schmerztherapie oder bei Bewegungsmangel kann es auch zu einer Obstipation kommen, ein weiteres Krankheitsbild, das bei älteren Patienten oft vergessen wird. Die Gabe von Laxanzien kann den Stuhlgang regulieren und damit auch dazu beitragen, dass kein Subileus oder Delir entsteht.

Auch die antidepressive Therapie wird immer wieder vernachlässigt, z. B. bei Patienten, die nach einem Schlaganfall funktionell eingeschränkt sind und merken, dass sie Vieles nicht mehr können, was vorher normal funktionierte. Hier wäre es sinnvoll, frühzeitig mit einer antidepressiven Therapie zu beginnen und dabei nicht nur medikamentös, sondern auch psychotherapeutisch zu behandeln.

Das Für und Wider abwägen

„Wir streben an, dass die Patienten möglichst wenig Präparate einnehmen“, so Baron. „Dennoch gibt es Medikamente, bei denen das Risiko einer Unterversorgung besteht, von deren Einnahme einige Patienten aber profitieren würden. Daher muss man das Für und Wider gut abwägen und die Verträglichkeit der Präparate gut kennen.“ Weitere Informationen und praktische Tipps zum Thema Unter- und Überversorgung in der medikamentösen Therapie älterer Patienten sind im Pocket-Guide „Klug behandeln“ der „Initiative Patientengerechte Altersmedizin“ zu finden.

Originalbeitrag erschienen in Der Hausarzt 10/2020 vom 05.06.20.

 

 

Folge 4: Trauen Sie sich, Medikamente abzusetzen!

Wenn ältere Patienten mehrere Erkrankungen gleichzeitig aufweisen, entsteht oftmals ein Medikamenten-Cocktail, der gut gemeint verordnet wird, aber im multimorbiden Kontext problematisch ist. Bei welchen Substanzgruppen Vorsicht geboten ist und mit welchen Alternativen man gegensteuern kann, erläutert Priv.-Doz. Dr. med. Helmut Frohnhofen aus Düsseldorf.

Selbstverständlich gibt es Patienten, bei denen man bestimmte Medikamente nicht absetzen darf, z. B. Diuretika bei Patienten mit schwerer Herzinsuffizienz und massiver Wasserein­la­gerung, erklärt Priv.-Doz. Dr. med. Helmut ­Frohnhofen vom Universitätsklinikum Düsseldorf. „Wichtig ist, dass die Indikation bei jedem Präparat klar ist. Ich denke, dass wir viele potenziell inadäquate Medikamente zu großzügig einsetzen“, so Frohnhofen. „Die Kunst ist, zu entscheiden, was wichtig und was weniger wichtig ist. Trauen Sie sich, Medikamente zu reduzieren – aber in Absprache mit dem Pa­tienten, damit nicht das Gefühl vermittelt wird, dass ihm etwas weggenommen wird.“

Einen Überblick über Medikamentengruppen, bei denen ein besonders hohes Risiko für eine Überversorgung besteht, enthält der Pocket-Guide „Klug behandeln“ der „Initiative Patientengerechte Altersmedizin“. Die Liste umfasst Präparate, die hinsichtlich Indikation, Dosis und Dauer der Therapie kritisch evaluiert werden sollten. Bei fehlender Indikation empfiehlt Frohnhofen kontrollierte Auslassversuche: „Dadurch kann man feststellen, ob der Patient das Medikament wirklich benötigt.“

Ernährungsberatung statt PPI

Protonenpumpenhemmer (PPI) werden beispielsweise sehr häufig ohne Rezept gekauft. Doch sie gehen mit vielen Langzeitnebenwirkungen einher. Es ist belegt, dass Patienten, die PPI einnehmen, ein etwa doppelt so hohes Risiko haben, eine Pneumonie zu entwickeln. Wenn ein Patient massive Refluxbeschwerden mit Bildung von Geschwüren in der Speiseröhre hat, wird er von einem PPI profitieren. Für viele andere Patienten gibt es auch nichtmedikamentöse Behandlungsmöglichkeiten, z. B. eine entsprechende Diät, in der man Weißwein und Süßigkeiten reduziert und bestimmte Speisen, die Säure binden, bevorzugt. „Hier könnte also eine Ernährungsberatung für Abhilfe sorgen“, regt Frohnhofen an.

Dauertherapie mit NSAR vermeiden

NSAR sind zur Behandlung akuter Schmerzen sehr segensreich, können aber bei einer Langzeitanwendung Probleme bereiten. Alternativ können operative Verfahren, eine physikalische Therapie oder andere Schmerzmittel sinnvoll sein, empfiehlt Frohnhofen. Zunehmend häufiger werden auch Opiate eingesetzt, die allerdings zu Verwirrtheit, Müdigkeit, Benommenheit und einem erhöhten Sturzrisiko führen können, sodass man hier eine Behandlung mit der niedrigsten möglichen Dosis versuchen sollte. Frohnhofen: „Gerade in der Schmerztherapie sollte man multimodal behandeln, also von Allem ein bisschen, aber nicht zu viel von einer Substanz verordnen.“

Medikamentöse Demenz

Medikamente mit anticholinergen Nebenwirkungen hemmen die Vagusaktivität und können dadurch zu Mundtrockenheit führen. Wenn mehrere Medikamente mit diesen Nebenwirkungen verordnet werden, dann summiert sich das auf. „Wenn der Mund trocken wird, dann wird auch das Gehirn „trocken“ und die Patienten werden unkonzentriert und unaufmerksam – ein Krankheitsbild wie bei ­einer Demenz“, so Frohnhofen. Auch Benzo­diazepine haben anticholinerge Wirkungen und sind für ältere Menschen ungünstig, weil sie einen Hangover verursachen, zu Benommenheit führen und das Sturzrisiko erhöhen. ­Außerdem können sie bereits nach kurzer Zeit eine Abhängigkeit auslösen. Darum empfiehlt sich auch bei Schlafstörungen im Alter, eine multimodale Herangehensweise zu bevorzugen.

Originalbeitrag erschienen in Der Hausarzt 11/2020 vom 20.06.20.

 

 

Folge 5: Polymedikation kann Senioren den Schlaf rauben

Ältere Menschen sind häufig unzufrieden mit ihrem Schlaf. Neben organischen und psychischen Erkrankungen und einem inadäquaten Schlafverhalten können auch Medikamente Schlafstörungen auslösen. Daher muss zunächst immer nach der Ursache einer Schlafstörung gefahndet werden. Bei der Behandlung sind schlafhygienische Maßnahmen essenziell.

Bei älteren Patienten, die schlecht ein- oder durchschlafen können, muss erst einmal ­eruiert werden, ob tatsächlich eine krankhafte Veränderung hinter den Beschwerden steckt. Dabei ist zu berücksichtigen, dass Veränderungen des Schlafs im höheren Lebensalter normal sind. „Man kann nicht erwarten, dass man im Alter so schläft wie in jungen Jahren“, erklärte Priv.-Doz. Dr. med. Helmut ­Frohnhofen, Leiter des Bereichs Altersmedizin am Universitäts­klinikum Düsseldorf. Der gesamte Schlafbedarf bleibt zwar mit etwa 6 bis 8 Stunden gleich, aber die Verteilung ändert sich und der Schlaf-Wach-Rhythmus verschiebt sich nach vorne. Viele Senioren werden von der „Eule“ zur „Lerche“, d. h. sie stehen früher auf und gehen auch früher wieder zu Bett als jüngere Menschen. Das ist normalerweise kein Problem und auch nicht als Schlafstörung zu bewerten. Ein Teil der Patienten geht jedoch extrem früh zu Bett, bereits vor 19 Uhr. „Ihnen wäre eine Verhaltensänderung anzuraten, um die Schlafstörung zu beheben“, empfahl Frohnhofen. Problematisch kann es auch sein, wenn die Patienten sich mittags oder nachmittags hinlegen und ein Nickerchen halten. Denn dadurch sinkt der Schlafdruck, weshalb sie nachts weniger gut schlafen können.

Medikamente als Auslöser

Bei etwa jedem fünften Patienten mit Schlafstörungen sind Medikamente der Auslöser. Insbesondere bei älteren Menschen, die multimorbide sind und mit einer Vielzahl von Medikamenten behandelt werden, sollte in Betracht gezogen werden, dass Arzneimittel die Insomnie verursachen könnten. Am häufigsten sind Diuretika dafür verantwortlich. Bei abendlicher Einnahme kann der dadurch ausgelöste häufige Harndrang den Nachtschlaf beeinträchtigen. „Das kommt immer wieder vor, gerade bei der Verordnung von Kombinationspräparaten, die ein Diuretikum enthalten“, so Frohnhofen. Wenn ein Patient Albträume hat, sollte man ebenfalls aktiv nachfragen, welche Medikamente er einnimmt. Denn fettlösliche Betablocker wie Propranolol können die Ursache hierfür sein. Für diese Patienten sind nicht fettlösliche Betablocker wie Bisoprolol oder Metoprolol besser geeignet.

Weitere Medikamente, die Schlafstörungen verursachen können, sind beispielsweise Mirtazapin, das ein Restless-Legs-Syndrom auslösen kann, antriebssteigernde Antidepressiva, Asthmamedikamente, Kortison, das Schilddrüsenhormon L-Thyroxin.

Einmal im Jahr nach Schlaf fragen

Auch organische Erkrankungen können bei Schlafstörungen eine Rolle spielen, nicht nur bei älteren, multimorbiden Patienten. Hier ist vor allem an die Nykturie zu denken, die z. B. aufgrund einer überaktiven Blase oder bei Herzinsuffizienz auftreten kann. Außerdem sind Depressionen und Schlafapnoe häufige Ursachen von Schlafstörungen.

Um eine Insomnie nicht zu übersehen, empfiehlt die Initiative Patientengerechte Altersmedizin (IPA), ältere Patienten einmal jährlich nach dem Schlaf zu fragen. Mit der Anamnese lässt sich die Ursache oftmals bereits einkreisen. Entscheidend ist dabei auch, nach den Schlafgewohnheiten zu fragen (Tab. 1).

Schlafhygiene ist essenziell

Maßnahmen der Schlafhygiene sind ein wichtiger Bestandteil der Therapie. Sie sollten immer initiiert werden, denn sie können viel bewirken. Wer regelmäßig Mittagsschlaf hält, sollte versuchen, diesen zu reduzieren oder ganz wegzulassen. Hilfreich sind außerdem feste Aufsteh- und Zu-Bett-Geh-Zeiten.

Als eine weitere Option können verhaltenstherapeutische Maßnahmen wie die Stimuluskontrolle zum Einsatz kommen. Dabei sollten die Patienten erst dann zu Bett gehen, wenn sie wirklich müde sind. Das Bett sollte nur zum Schlafen und nicht zum Lesen oder Fernsehen benutzt werden. Schlafen die Patienten nach einer halben Stunde nicht ein, sollten sie wieder aufstehen und erst dann wieder zu Bett gehen, wenn Müdigkeit eintritt.

Wichtig ist außerdem, mit dem Patienten ­über seine Erwartungshaltung zu sprechen. ­Frohnhofen: „Sowohl Patient als auch Behandler brauchen Geduld. Der Patient darf nicht ­erwarten, dass jahrelang bestehende Schlaf­störungen sofort beseitigt werden können. Das ist ein längerer Prozess, bei dem der Körper wieder lernen muss, zu schlafen.“

Natürliches Arzneimittel zur Unterstützung

Auch eine innere Stressaktivierung kann für Schlafstörungen verantwortlich sein. Das passiert beispielsweise dann, wenn die Patienten unbedingt einschlafen wollen. Doch Schlaf kann nicht erzwungen werden. Wenn man das versucht, dann versetzt man sich in eine innere Überstimulation, die den Eintritt des Schlafs hemmt. Diese innere Stressaktivierung zeigt sich bei Patienten auch durch erhöhte Spiegel des Stresshormons Cortisol, das zu Wachheit führt.

Aus diesem Grund kann das natürliche Arzneimittel Neurexan® eine gute Ergänzung zu den schlafhygienischen Maßnahmen sein. Die darin enthaltenen natürlichen Wirkstoffe senken das durch den Stresseinfluss erhöhte Cortisol, wirken auf diese Weise entspannend und ­unterstützen das Ein- und Durchschlafver­mögen.

In der NEUPRO-Studie wurde die Aktivierung des autonomen Nervensystems, die Ausschüttung von Stresshormonen sowie die Beschleunigung des Herzschlags bei gesunden Probanden bei akutem Stress untersucht. Unter dem natürlichen Arzneimittel zeigte sich im Vergleich zu Placebo ein klinisch relevanter verringerter Anstieg des Speichelcortisols, des Plasmacortisols und des Plasma-Adrenalin-Spiegels [1]. In der NEURIM-Studie konnte mithilfe der funktionellen Magnetresonanztomografie gezeigt werden, dass das natürliche Arzneimittel auf neuronaler Ebene zu einer Stressreduktion führt. Die Ergebnisse zeigen, dass Neurexan® die stressbedingte Aktivität der linken Amyg­dala im Vergleich zu Placebo vermindert. Das natürliche Arzneimittel reduziert die Reaktion des Gehirns in einer Region, in der negative emotionale Reize verarbeitet werden und beeinflusst somit die emotionale Reaktion auf die subjektive Beurteilung der Nervosität vor und nach Stress [2]. Zudem zeigte die Waldschütz-Studie, dass die Anwendung des natürlichen Arzneimittels die Schlafdauer verlängert und gleichzeitig die Tagesmüdigkeit verringert [3].

Synthetische Schlafmittel mit Nebenwirkungen behaftet

Vorsicht ist dagegen bei Z-Substanzen und Benzodiazepinen geboten. Denn sie gehen mit Nebenwirkungen wie einem erhöhten Sturzrisiko und Beeinträchtigungen der Kognition einher, die vor allem für ältere Pa­tienten problematisch sein können. Darüber hinaus verändern sie das Schlafprofil, so dass der dadurch induzierte Schlaf nicht dem physiologischen Schlaf entspricht. „Daher sollte man diese Präparate kontrolliert einsetzen, nur zeitlich befristet und idealer­weise auch nur intermittierend“, mahnte Frohnhofen.

Literatur:

  1. Doering BK et al. Life Sciences. 2016; 146: 139–147
  2. Herrmann L et al. Sci Rep. 2020; 10(1): 3802
  3. Waldschütz R et al. Scientific World Journal. 2008; 8: 411–420

Originalbeitrag erschienen in Der Hausarzt 12/2020 vom 15.07.20.

 

 

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