NotfallversorgungZi-Studie: Weniger als zwei Patienten pro Stunde

Die Mär der überfüllten Notfallambulanz? Aktuelle Zahlen aus der kassenärztlichen Versorgung wollen den Mythos entkräften. Die Wissenschaftler sprechen von "Risiken für Patienten" - und betonen den Reformbedarf.

In Deutschland werden im Durchschnitt rund 1,7 Patienten pro Stunde in der Notaufnahme eines Krankenhauses behandelt. Zu diesem Ergebnis kommt eine Studie des Zentralinstituts für die kassenärztliche Versorgung (Zi). „In der Öffentlichkeit ist der Eindruck entstanden, als seien die Notaufnahmen sämtlich überlaufen. An einigen Standorten mag das durchaus der Fall sein, generell kann jedoch keine Rede davon sein“, wertet Dr. Dominik von Stillfried, Geschäftsführer des Zi, die Zahlen. Nur 30 Prozent der deutschen Notaufnahmen behandelten mehr als zwei Patienten pro Stunde.

Für die Auswertung hatten 13 KVen (ohne Bremen, Saarland, Thüringen und Westfalen-Lippe) dem Zi die Abrechnungshäufigkeiten für das zweite Halbjahr 2015 und für das erste Halbjahr 2016 zur Verfügung gestellt. Die Anzahl der behandelten Patienten sei ein „guter Indikator für die Bedeutung einer Notaufnahme“, heißt es in der Studie.

Damit stützen die aktuellen Zahlen aus der kassenärztlichen Versorgung die Forderungen der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV). Die KBV fordert seit Langem, Notfallambulanzen an den Kliniken zu reduzieren und beruft sich dabei immer wieder auf Zi-Auswertungen. Bereits 2015 hatte das Zentralinstitut ermittelt, dass die Auslastung der Notfallambulanzen an Krankenhäusern statistisch gerade mal bei etwa einem Patienten (damals 1,2) pro Stunde lag.

Laut einem KBV-Konzeptpapier zur Notfallversorgung soll eine bundesweite Orientierung für die Planung der Ambulanzen eine Erreichbarkeit von rund 30 Minuten Fahrzeit sein, in Ballungsräumen sei eine Notfallambulanz für etwa 250.000 Einwohner ausreichend. Vielmehr setzt die KBV auf eine Stärkung des ärztlichen Bereitschaftsdienstes.

Auch nach den aktuellen Zi-Zahlen fiel das Gros der Behandlungen in die Praxisöffnungszeiten: Im Durchschnitt über alle Regionen wurden im ersten Halbjahr 2016 während der Öffnungszeiten 0,99 Patienten pro Stunde behandelt, außerhalb 0,76 Patienten pro Stunde.

Zi-Chef von Stillfried verweist auf den europäischen Vergleich. In England etwa würden elf, in Dänemark zehn Patienten pro Stunde in Krankenhausnotaufnahmen behandelt. Laut Zi-Studie erreicht jedoch nur etwa ein Fünftel der Notaufnahmen in Deutschland regelhaft eine Auslastung von mehr als fünf Patienten pro Stunde, bei einem weiteren Fünftel liegt die mittlere Auslastung dagegen unter 0,4 Patienten pro Stunde. Die Wissenschaftler fordern daher einen deutlichen Konzentrationsprozess in der Notfallversorgung.

Von Stillfried sieht in den niedrigen Werten gar „erhöhte Risiken für Patienten“. So führten geringere Erfahrung sowie schlechtere Personal- und Technikausstattung in kleinen Notaufnahmen oftmals zu höheren Komplikationsraten, längeren Krankenhausaufenthalten und zu höherer Sterblichkeit für Patienten. „Wenn es um Leben und Tod geht, ist die Versorgung in den großen Notaufnahmen erheblich besser“, sagt von Stillfried.

„In den städtischen Ballungsräumen sehen wir großes Potenzial, die Notfallversorgung auf wenige gut ausgestattete Standorte zu konzentrieren, ohne dass die Erreichbarkeit eingeschränkt wird“, schlussfolgert von Stillfried analog zu den Positionen der KBV. Im Zuge einer solchen Konzentration ergeben sich „wesentlich bessere Voraussetzungen, ärztliche Bereitschaftspraxen an diesen Standorten einzurichten, die leichtere Fälle übernehmen und die Notaufnahmen für echte Notfälle entlasten“.

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