HausarztdichteOECD-Zahlen stoßen auf scharfe Kritik

Beleg für eine wohnortnahe Versorgung – oder Verschleierung der Realität? Zahlen zur Hausarztdichte, auf die das Bundesgesundheitsministerium verweist, scheiden aktuell die Geister.

Berlin. Zahlen zur hausärztlichen Versorgung in Deutschland haben eine heftige Diskussion entfacht. Während die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) lobt, dass die ambulante Versorgung aktuellen Zahlen zufolge flächendeckend sehr gut sei, kritisiert die Deutsche Gesellschaft für Allgemeinmedizin und Familienmedizin (DEGAM) die Datenbasis, auf die sich die Regierung stütz: „Falsche Daten der OECD verschleiern den Hausarztmangel“, hieß es entsprechend harsch am Dienstag (20. Februar).

Hintergrund für die Verwirrung ist eine Antwort der Bundesregierung auf eine parlamentarische Anfrage des FDP-Bundestagsabgeordneten Wieland Schinnenburg, die der Redaktion von „Der Hausarzt“ vorliegt. Demnach müsse fast jeder Deutsche weniger als zehn Kilometer zum nächsten Hausarzt fahren. 2016 wohnten nur rund 173.000 Menschen oder 0,2 Prozent der Bevölkerung weiter vom nächst erreichbaren Hausarzt entfernt, heißt es in der Antwort des Bundesgesundheitsministeriums (BMG).

Kein Tante-Emma-Laden mehr, doch der Arzt ist da

„Die ambulante Versorgung in unserem Land ist – allen manchmal herbeigeredeten Unkenrufen zum Trotz – sehr gut“, kommentierte KBV- Vorstandsvorsitzender Dr. Andreas Gassen die Zahlen in Berlin. Die Daten, die direkt aus den KBV-Auswertungen stammen und auf die die Bundesregierung verweist, seien „hervorragende Werte, die ihresgleichen suchen“. Die Kassenärztlichen Vereinigungen stellten die Versorgung auch dort sicher, „wo sich jegliche Infrastruktur schon zurückgezogen hat, wo es keine Bürgerämter, Feuerwehren, Postfilialen oder auch die berühmten Tante-Emma-Läden mehr gibt“, lobte Gassen.

Tatsächlich ist die Zahl der Hausärzte im ländlichen Raum laut Bundesregierung in den vergangenen Jahren nur geringfügig gesunken – von 16.966 (2012) auf 16.895 (2016). Weiter beruft sich das Ministerium jedoch auf den internationalen Vergleich – und damit Daten der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD). Die Hausarztdichte in Deutschland sei demnach mit 1,7 je 1.000 Einwohner immer noch größer als in den meisten europäischen Ländern. Lediglich in Portugal und Irland liege der Wert mit 2,4 beziehungsweise 1,9 höher.

Deutschland rutscht auf die hinteren Ränge

Diese internationale Datenbasis steht laut DEGAM jedoch auf wackeligen Beinen. Das Ministerium legt die Analyse „State of the Health in the EU“ der OECD (DOI: 10.1787/9789264285200-de) zugrunde. Die darin enthaltenen Zahlen seien aber falsch, erklärte die DEGAM am Dienstag in einer Mitteilung. „2015 waren nach Angaben des Bundesarztregisters 54.094 Ärzte hausärztlich tätig – bei einer Bevölkerung von 82,5 Mio. Einwohnern ergibt das 0,66 Hausärzte/1.000 Einwohner. Damit landet Deutschland am unteren, und nicht am oberen Rand der OECD-Tabelle.“

Aufgedeckt hatte den kritisierten Denkfehler in den OECD-Zahlen Dr. Uwe Popert, Hausarzt in Kassel und DEGAM-Sektionssprecher für Versorgungsaufgaben. Der Ursprung ist in seinen Augen eindeutig: Die hiesigen niedergelassenen Spezialisten werden zwar teilweise direkt, also ohne Überweisung, in Anspruch genommen – sie können aber keineswegs als „Generalisten“ gelten, erklärt Popert gegenüber „Der Hausarzt“. „Dies würde ja voraussetzen, dass sie routinemäßig alle Organsysteme behandeln – was sowohl in der Weiterbildungsordnung als auch im Bundesmantelvertrag ausdrücklich ausgeschlossen ist.“

Diese Defizite nicht zu benennen, berge das Risiko falscher Entscheidungen der Politik, meint der Hausarzt. Er habe daher bereits wiederholt an die OECD geschrieben – bislang jedoch erfolglos.

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