NiedersachsenHausärzteverband fordert Rechtssicherheit und Positivliste

In den letzten Tagen haben viele Hausärzte wieder Post von der Prüfstelle erhalten. Der Grund: Sie sollen Medikamente für Allergiker unwirtschaftlich verordnet haben. Der Verband hat gleich mehrere Lösungsvorschläge.

Lüneburg. „Wir brauchen Wertschätzung und endlich Rechtssicherheit“, betonte Dr. Matthias Berndt, Vorsitzender des Hausärzteverbands Niedersachsen, am Freitag (4. Mai) beim 34. Seminarkongress in Lüneburg. In den letzten Tagen hat die Prüfstelle von Krankenkassen und Kassenärztlicher Vereinigung (KV) viele Hausärzte angeschrieben. Der Vorwurf: Sie sollen Allergikern Antihistaminika im Frühjahr 2016 unwirtschaftlich verschrieben haben. Erst vergangenes Jahr wurden rund 3.000 Hausärzten im Land Regresse angedroht, weil sie 2014 die Chroniker-Ziffern nach EBM falsch abgerechnet haben sollen. Dies konnte der Hausärzteverband aber in Verhandlungen mit den beiden Kassen teilweise abwenden.

Für Berndt und die Delegierten des Verbands steht fest, dass die jahrelange Ungewissheit über Verordnungen junge Allgemeinmediziner von einer Niederlassung abschreckt. „Hier darf es keine Grauzone wie bei der OTC-Ausnahmeliste geben, die dazu führt, dass zwei Jahre später – wie aktuell durch die AOK Niedersachsen – Prüfaufträge und potentielle Regresse ausgesprochen werden“, erklärte Berndt. „Solche Regresse müssen abgeschafft werden!“ Ein Honorarbescheid müsse drei Monate nach Ende des Quartals abgeschlossen und damit „rechtssicher“ sein, forderte er.

Zwar habe der Gesetzgeber vorgegeben, dass Kassen und KVen die Richtgrößenprüfung ab 2017 regional ersetzen müssten, ergänzte Mark Barjenbruch, Vorstand der KV. In Niedersachsen wurde diese aber nur in eine Durchschnittsprüfung abgewandelt, auch hier stehe am Ende noch ein Regress.

Nur 3,9 Prozent der Hausärzte im roten Bereich

„Die Regresse müssen fallen, um den Hausarztberuf attraktiv zu machen“, stimmte Barjenbruch dem Hausärzteverband zu. Immerhin: Die Durchschnittsprüfung hat die Lage aktuell schon deutlich entschärft. Durch die andere Prüfsystematik seien 2017 lediglich 3,9 Prozent aller Hausärzte in Niedersachsen im roten Bereich gewesen – und von diesen werden wiederum nur die „obersten fünf Prozent“ überhaupt geprüft, erklärte Dr. Jörg Amoulong von der KV. Er bezeichnete die Hausärzte als „vorbildlich“. Dennoch müssen sich Ärzte derzeit noch Jahre später für Verordnungen rechtfertigen.

Hausärztechef Berndt plädiert daher dafür, dass Krankenkassen und Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) oder der Gemeinsame Bundesausschuss (G-BA) eine Positiv- oder Negativliste von Arzneimitteln erstellen sollen, die Patienten öffentlich einsehen können. Auch für Heilmittel brauche es eine solche Liste, ergänzte sein Vorstandskollege Dr. Uwe Lankenfeld.

„Konsumentenhaltung“ von Patienten eindämmen

Positivlisten schafften nicht nur mehr Sicherheit für Ärzte, sondern auch Patienten hätten dann einen besseren Einblick, was Ärzte ihnen überhaupt verordnen dürften. Denn auch die steigenden Ansprüche von Patienten werden im Gesundheitswesen immer mehr zum Problem, wie Claudia Schröder vom Niedersächsischen Gesundheitsministerium deutlich machte. „Viele Patienten haben eine Konsumentenhaltung, die für das System nicht mehr tragbar ist“, sagte sie, hier müsse die Bundesregierung eingreifen.

Auch bei anderen Themen wie der Telematik-Infrastruktur wünschten sich die Länder, dass der Bund mehr und schneller entscheide und nicht alles an den G-BA delegiere. Die gematik sei ein Negativbeispiel par Excellence – „zu teuer und bisher keine Lösungen“. Auch deswegen erhöhten die Bundesländer jetzt den Druck auf den Bund.

Ein weiteres Beispiel sei die Nachwuchsfrage, fügte Berndt an. „Hier muss die Politik Einfluss nehmen, welche Mediziner wir für die Versorgung ausbilden müssen“, sagte er mit Blick auf den Masterplan Medizinstudium 2020. Bundesweit würden 1,67 Ärzte pro 1.000 Einwohner ausgebildet, in Niedersachsen nur 0,7, stellte Ärztekammer-Vize Dr. Marion Renneberg aktuelle Zahlen vor. 2030 geht im Land etwa jeder fünfte Hausarzt in Rente. Um den Bedarf zu decken, müsste einer von vier Medizinstudenten die Allgemeinmedizin wählen – aktuell tut dies aber nur jeder Zehnte.

„Schluss mit Nachqualifikationen“

Einen Grund dafür sieht der Hausärzteverband auch in mangelnder Wertschätzung für die Primärversorgung. Das äußere sich etwa in ständigen Nachqualifikationen, die Allgemeinmediziner leisten müssten, machte Lankenfeld deutlich. Damit müsse Schluss sein. „Es kann nicht sein, dass wir immer wieder verpflichtet werden, neue Zusatzqualifikationen für Tätigkeiten zu erwerben, die wir seit Jahren in unseren Praxen machen, nur weil eine neue Subspezialisierung in der Medizin eingeführt wird“, erklärte er.

Um langfristig den steigenden Bedarf an Hausärzten zu decken, zeichneten sich in der Diskussion drei Lösungen ab. Die vermehrte Ausbildung von Allgemeinmedizinern könne laut Renneberg von einer Entlastung der Ärzte durch Delegation begleitet werden. „In Kliniken ist der Physician Assistant eine Option. Aber in unseren Hausarztpraxen haben wir bereits die dafür qualifizierten nicht-ärztlichen Praxisassistenten. Das sollten wir ausbauen“, sagte sie. Mit der VERAH gibt es zudem eine speziell für die Bedürfnisse der Hausarztpraxis spezialisierte Medizinische Fachangestellte.

Verpflichtende Überweisung vom Hausarzt

Drittens: Patienten sollten Gesundheitsleistungen gezielter in Anspruch nehmen, waren sich alle Diskussionsteilnehmer von Gesundheitsministerium, KV, AOK und Hausärzteverband einig. Sie seien dafür, dass Patienten verpflichtend eine Überweisung vom Hausarzt brauchen, um Spezialisten in Anspruch zu nehmen, sagten etwa KV-Vorstand Barjenbruch und AOK-Vorstand Jan Seeger.

Jedoch könnten sich die Facharztgruppen untereinander seit sieben Jahren nicht einigen, wer zur ersten und wer zur nachgeschalteten Versorgungsebene gehöre, berichtete Barjenbruch von Diskussionen in der KV. AOK-Vertreter Seeger schätzt hingegen die Hausarztzentrierte Versorgung (HZV) als freiwilliges Primärarztsystem für Versicherte. „Die HZV verbessert die Versorgung“, sagte er. Er fürchtet aber, dass eine Verpflichtung dazu führe, dass viele Patienten aussteigen. Niedersachsen habe unter den AOKen den zweitgrößten HZV-Vertrag mit derzeit rund 700.000 teilnehmenden Patienten.

Den Seminarkongress in Lüneburg richten jedes Jahr die Hausärzteverbände Niedersachsen, Braunschweig, Hamburg und Schleswig-Holstein gemeinsam aus.

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